Projektüberblick
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die menschenrechtliche Situation von Sexarbeiter:innen in Österreich. Sexarbeit wird dabei als Austausch sexueller oder erotischer Dienstleistungen unter volljährigen Personen gegen finanzielle Kompensation betrachtet. Ergänzend verwendet das Projekt den Begriff Prostitution, insbesondere in der rechtlichen Analyse, da die einschlägigen Gesetzestexte diesen Terminus gebrauchen.
Der Ausgangspunkt der Analyse ist ein menschenrechtsbasierter Ansatz, also die Frage nach dem Bestehen und der Umsetzung der Menschenrechte von Sexarbeiter:innen in Österreich. Auf der einen Seite werden die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in Hinblick auf internationale und europäische Menschenrechtsstandards untersucht. Auf der anderen Seite stehen deren Umsetzung in der Praxis sowie die Lebensrealitäten der in der Sexarbeit tätigen Personen einschließlich der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Tätigkeit stattfindet. Sexarbeiter:innen sind eine heterogene Gruppe, die nicht als Einheit gefasst werden kann. Ohne den Anspruch darauf, diese Gruppe vollständig erfassen zu können, sollen unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt werden.
Häufig werden die Themenfelder Sexarbeit, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen undifferenziert betrachtet. Das schadet sowohl den in der Sexarbeit tätigen Personen als auch den von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung Betroffenen. Voraussetzung für eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung ist daher eine klare begriffliche Unterscheidung dieser Themenfelder. Ihre enge Verflechtung in der Praxis wie in der öffentlichen Debatte wird jedoch nicht ausgeblendet. Menschenhandel und die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger sind daher Bestandteil des Forschungsvorhabens.
Ausgangslage
Das Forschungsvorhaben befasst sich mit dem Themenfeld der Sexarbeit, einem gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich komplexen, empirisch jedoch wenig erschlossenen Gebiet. Eine zusätzliche Herausforderung für die wissenschaftliche Untersuchung stellt die starke moralische Aufladung des Themas dar, in der persönliche
Wertvorstellungen oft stärker wiegen als empirische Befunde. Die bislang umfassendste einschlägige Untersuchung für Österreich stammt von Helga Amesberger (2014) und liegt mehr als zehn Jahre zurück.
Seither haben sich die maßgeblichen Rahmenbedingungen grundlegend gewandelt: die wirtschaftliche Lage, die zunehmende Verlagerung der Tätigkeit in den digitalen Raum und auf Plattformen sowie die Nachwirkungen der während der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen. Hinzu kommen jüngste Kürzungen im Sozialbereich. Zu Bereichen wie männlicher oder queerer Sexarbeit liegen bislang kaum Untersuchungen vor.
Eine menschenrechtliche Analyse des Themenfelds steht für Österreich bislang aus. Die Rechtslage ist komplex und uneinheitlich, da sowohl der Bund als auch die Länder zuständig sind, was Sexarbeiter:innen die Einordnung ihrer Tätigkeit erschwert: Die Regelungen reichen von einem faktischen Verbot (Vorarlberg) bis zu vergleichsweise wenig restriktiven Bestimmungen (Niederösterreich). Hinzu kommen restriktive Aufenthalts- und Arbeitsregelungen, die einen Großteil der Sexarbeiter:innen betreffen, sowie Diskriminierungen auf mehreren Ebenen, etwa im Arbeitsrecht, bei den Arbeitsbedingungen, im Gesundheitsbereich und beim Schutz vor Gewalt.
Ziele und Methodik
Das Projekt analysiert die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen von Sexarbeit in Österreich, untersucht deren Umsetzung und Wirkung im Alltag der Betroffenen und leitet daraus menschenrechtsbasierte Handlungsempfehlungen für eine diskriminierungsfreie Politik- und Rechtsgestaltung ab.
Ein interdisziplinärer Zugang, der Perspektiven aus Soziologie, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Geschichtswissenschaft verbindet, ermöglicht es, strukturelle,
(menschen-)rechtliche und gesellschaftliche Bedingungen gemeinsam in den Blick zu nehmen. Leitend ist zudem eine intersektionale Perspektive: Erfahrungen in der Sexarbeit sind durch das Zusammenwirken von Faktoren wie Klasse, Migrationsstatus, Geschlecht und Rassismuserfahrungen geprägt.
Sexarbeiter:innen verfügen über umfassende Expertise zu den Wirkungen rechtlicher Regelungen ihrer Tätigkeit. Das Projekt bezieht diese Perspektive über narrative Interviews ein und beabsichtigt zudem, Teilstudien gemeinsam mit Selbstvertretungsorganisationen durchzuführen.
Maßstab der rechtlichen Analyse sind die intentional anerkannten und europäischen Menschenrechte, insbesondere das Prinzip der Antidiskriminierung; als Gradmesser für die Wirkung des Rechtssystems dient die Frage, inwieweit es die Menschenrechte von Sexarbeiter:innen verwirklicht und stärkt. Um die rechtliche Analyse um die Perspektive der Praxis und die Lebensrealitäten der Betroffenen zu ergänzen, wird ein qualitativer, explorativer Zugang gewählt, der unter anderem auf Literaturrecherche und Interviews aufbaut. Die Untersuchung erstreckt sich auf ganz Österreich.
Folgende Forschungsfragen werden untersucht:
- Ist die gesetzliche / politische Situation von Sexarbeiter:innen im Einklang mit internationalen und europäischen Menschenrechtsstandards?
- Wie ist Prostitution/Sexarbeit in Österreich gesetzlich/politisch reguliert?
- Wie gestalten sich die unterschiedlichen Rechtslagen zu Sexarbeit in den neun österreichischen Bundesländern?
- Wie wirken sich die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, auf die Lebensrealitäten der Sexarbeitenden aus?
- Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die Menschenrechte von Personen in der Sexarbeit in Österreich effektiv umzusetzen?
Projektrahmen
Projektlaufzeit: 01/2026 – 07/2027
